top of page
schsische-zeitung-online-logo-clipart.png

Unfall, Neubeginn und Musik

green-plus-sign-free-png.webp

      „Hey komm, da geht noch mehr": Vom künstlichen Koma zurück auf die Bühne

Claudia Biltz lag mit 19 Jahren nach einem schweren Unfall im künstlichen Koma. Wie sie danach zurück zu sich selbst und ihren Weg als Sängerin fand.

56D32DD5-4A7B-4389-ADF5-1168515AB13B_1_105_c.jpeg

Sängerin Claudia Biltz lebt seit vier Jahren in Moritzburg und hat auch das berühmte Aschenbrödel-Lied auf ihre Weise interpretiert.​

Quelle: Norbert Millauer

Von Sven Geisler

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Moritzburg. Es war sehr knapp, sagte die Notärztin. Neun Tage lag Claudia Biltz im künstlichen Koma. Auf einer Landstraße zwischen Altenburg und Meerane war sie mit ihrem kleinen Auto frontal mit einem 40-Tonner kollidiert. Wie es dazu kam, ist bis heute unklar. Der Unfall konnte nicht eindeutig rekonstruiert werden.

​

Sie hatte innere Blutungen. Die Milz musste entfernt und der komplizierte Oberschenkelbruch operiert werden. Ihr Kurzzeitgedächtnis war nach dem Unfall zeitweise gestört. „An die Zeit im Krankenhaus habe ich nur wenige, kurze Erinnerungen." Claudia Biltz, im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren, war 19 Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur am Freien Gymnasium Penig, als der Unfall am 20. Dezember 2003 passierte.

​

Das Klavier zog sie magisch an

 

Plötzlich war alles anders. Ihr war zwar bewusst, dass eine solche lebensbedrohliche Erfahrung einen Menschen verändert, aber: „Ich wollte die Person, die ich nach dem Unfall war, zunächst gar nicht kennenlernen."

​

Zudem schien ihr Berufswunsch in Gefahr zu sein. Nach dem Abi wollte sie Musical oder Schauspiel studieren. Als Kind sang sie im Chor, lernte Melodica, Akkordeon und schließlich Klavier zu spielen. „Das stand bei meiner Tante im Wohnzimmer und zog mich magisch an." Mit 13 Jahren begann sie, eigene Gedichte und erste Lieder zu schreiben. „Ich musste immer kreativ sein und mich ausdrücken."

6C204352-CC48-4B56-AF60-00D60A7680AA_1_105_c.jpeg

Auf Sängerin Claudia Biltz wirkt die Aschenbrödel-Kulisse mit dem Schloss in Moritzburg inspirierend. Quelle: Norbert Millauer

Doch nun fühlte sich Musik ungewohnt an. "Ich setzte mich ans Klavier, wollte spielen, aber es wirkte mechanisch". erinnert sich Claudia Biltz. „Ich habe geweint, weil meine üblichen Ventile nicht mehr funktionierten: Kunst, Musik, Tanz." Als Jugendliche tanzte sie in einer Formation. Aber nach dem Unfall war daran nicht zu denken. Sie konnte ihr Bein erst einmal nur eingeschränkt beugen. „Ich hatte das Gefühl, dass mir alles genommen worden war, was mich vorher getragen hat."

​

"Irgendwann liefen mir die Tränen übers Gesicht,

aber ich machte weiter."

Claudia Biltz über ihren Kampf in der Physiotherapie 

 

Claudia Biltz nahm den Kampf an, ging in der Physiotherapie über die Schmerzgrenze. "Irgendwann liefen mir die Tränen übers Gesicht, aber ich machte weiter." Der Moment, in dem sie etwa anderthalb Jahre nach dem Unfall die Ferse wieder bis an den Po bekam, hat sich fest eingeprägt. „Das Gefühl, als mein Bein diese Bewegung wieder zuließ, ist bis heute in mir."

 

Langsam fand sie nicht nur zu sich selbst zurück, sondern auch zu ihrem neuen Ich. „Ich wusste noch, wer ich vorher war. Aber ich wusste nicht, wer mich jetzt im Spiegel anschaut, was mir wirklich Freude bereitet, was mich bewegt" beschreibt Claudia Biltz ihre innere Zerrissenheit nach dem Unglück.

 

​Mit Block und Stift vor den Spiegel gesetzt

​

„Irgendwann setzte ich mich mit Block und Stift vor den großen Spiegel in meinem Zimmer, vor dem ich vorher Choreografien probiert hatte" erzählt sie. Ich schrieb einfach auf, wie ich die Person im Spiegel wahrnahm. Danach begann ich, mir selbst eine beste Freundin zu sein und nahm mein Leben wieder in die Hand."

 

Im Sommer 2004 meisterte sie planmäßig ihr Abitur. Bei der Zeugnisausgabe wog sie nur noch 42 Kilogramm bei 1,60 Meter Körpergröße. Im Nachhinein ist sie dankbar für diese Auseinandersetzung mit sich selbst. „Der Unfall war für mich ein Denkanstoß. Er hat meinen Blick auf das Leben grundlegend verändert."

​

​

"Ich bin nicht auf meinem ursprünglichen Weg geblieben,

aber ich habe einen Weg gefunden, der mich bis heute trägt."

Claudia Biltz über ihre Karriere nach dem Unfall

​​

​

Aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus habe sie sich entschieden, Medienmanagement zu studieren. "Ich bin nicht auf meinem ursprünglichen Weg geblieben, aber ich habe einen Weg gefunden, der mich bis heute trägt." sagt Claudia Biltz.

​

Es dauerte tatsächlich acht Jahre, bis sie wieder eigene Lieder schreiben konnte. „Ich stand am Tresen zwischen Küche und Wohnzimmer, klopfte einen Beat und hatte auf ein-mai Melodie und Text im Kopf." Es folgten weitere Songideen – und die Sehnsucht nach der Bühne kehrte ebenfalls zurück. 2014 beschloss sie, ihrem Herzen zu folgen und die Musik ins Zentrum ihres Lebens zu stel-len. Sie nahm klassischen Gesangsunterricht und ließ sich anschließend in Musical und Pop coachen.

​

Fürs erste Album viel Lehrgeld bezahlt

 

Ende 2019 begann sie intensiv, an ihrem ersten Album zu arbeiten, für das sie viel Lehrgeld bezahlte, weil die Zusammenarbeit mit Produzenten und Beratern rückblickend alles andere als optimal lief. „Heute weiß ich besser, wie ich klingen und arbeiten will. Ich möchte Musik machen, in der ich mich selbst wiederfinde." erklärt Claudia Biltz.

 

Auch bei der Cover-Version von „Küss mich, halt mich, lieb mich" wollte sie bewusst „keine orchestrale Version" des Originals von Ella Endlich, „sondern eine schlichte, minimalistische." Das Lied zur Melodie des Märchenklassikers „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" werde oft von Brautpaaren gewünscht, sagt Claudia Biltz, die außer ihren Konzertprogrammen auch Hochzeiten musikalisch gestaltet.

​

„Ich mag den Text, das Märchen und die Geschichte. Dann zog mich die Liebe nach Moritzburg - und ich dachte: Das passt einfach." Das Video hat inzwischen fast 32.000 Aufrufe bei YouTube.

​

Seit vier Jahren lebt Claudia Biltz unweit des Schlosses, an dem der Kultfilm unter anderem gedreht wurde. Ihren Partner Thomas lernte sie in der Marketingagentur ken-nen, in der sie während der Corona-Pandemie zu arbeiten begann und bis heute tätig ist. "Der Job war mein Plan B. Wir durften ja erst einmal nicht mehr auftreten."

​

Inzwischen hat sich Claudia Biltz ein eigenes Tonstudio eingerichtet und ihre Lieder überarbeitet. Ihren neuen Sound beschreibt sie als Mischung aus Deutsch-Pop und Jazz-Pop mit Singer-Songwriter-Elementen und einer Prise Bossa Nova. In ihrem Konzertprogramm „Zwischen Himmel & Herz" verbindet sie eigene Songs mit ausgewählten internationalen Lieblingsliedern. Das Programm ist für kleinere Konzerte gedacht, bei denen sie ihrem Publikum nahe sein kann.

​

"Ich möchte nicht nur meine Lippen zu einem fertigen Ton bewegen,

sondern wirklich für die Menschen singen."

Claudia Biltz über ihren Anspruch

 

Im Sommer hat sie den ersten Song im neuen Klanggewand veröffentlicht. Den sie zwar ausnahmsweise nicht selbst geschrieben hat, der aber ihre Lebenseinstellung treffend beschreibt. Sobald es in meinem Leben schwierig wird, kommt bei mir immer irgendwann der Moment, in dem ich mich wieder aufrapple und mir sage: Hey komm, da geht noch mehr."

​

So heißt dieser Titel. Einen weiteren kündigt sie für Mitte Oktober an sowie im November ein neues Weihnachtslied für ihr Programm „Zimt im Tee". Ihr Anspruch ist es, die Menschen mit ihrer Musik zu berühren. „Wenn sie auch anderen ein ähnlich guter Freund sein kann, wie sie es für mich schon mein ganzes Leben ist, wäre das für mich das schönste Geschenk."

​

Dabei gilt für sie: Live ist life. „Ich möchte nicht nur meine Lippen zu einem fertigen Ton bewegen, sondern wirklich für die Menschen singen." Ein Lächeln, ein aufmerksamer Blick oder ein Gruß nach dem Konzert bedeuten ihr viel. Schließlich grenzt es an ein Wunder, dass Claudia Biltz als Sängerin auftreten kann. Denn als sie nach dem Unfall im Krankenhaus lag, riss sie sich zweimal den Beat-mungsschlauch heraus. Ihre Stimme nahm dabei offenbar keinen bleibenden Schaden. Heute kann ich mit gut drei Oktaven arbeiten", sagt sie. 

 

Schicksal? Glück? Claudia Biltz spürt eine große Dankbarkeit. Für ihren Weg und vor allem für ihre Familie: „Das ist meine Burg", sagt sie. „Egal, was passiert, ich kann nach Hause kommen. Dort ist jemand, der mir zuhört, für mich da ist und mich auffängt."

​

SZ

bottom of page